Chronik

Welche Zeit ist es? Es ist Zeit Gutes zu tun.

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100 Jahre Maria-Martha-Stift

1853   Gründung des Central-Vereins für wohltätige Zwecke im Königreich Bayern mit dem Namen St. Johannisverein
1894   Gründung des Sankt-Johannis-Zweigverein in Lindau. Vereinsziel: Fortbildungsschule für Mädchen im Haushalt und Betreuung von Pensionärinnen / Ort: Salzgasse 5
1898   Großer Zulauf der Schule: Das Nachbarhaus wird angekauft
1898   Der Johannisverein übernimmt das Kinkelinsche Institut (das heutige Valentin-Heider-Gymnasium) in der Bindergasse. 1901 wird das Gebäude vom Johannisverein umgebaut und erweitert. Der Verein betreibt das Institut bis 1935: Nachdem die Nationalsozialisten den kirchlichen Schulen die staatlichen Zuschüsse gestrichen hatten, wurde das Kinkelinsche Institut der Stadt Lindau übergeben.
1899   Neuendettelsauer Diakonissen kommen nach Lindau. Sie übernehmen die Leitung des Internats und bauen eine Diakoniestation für die ambulante Krankenpflege auf. Bis in die 70er Jahre - auch während des 2. Weltkriegs - hinein haben die Diakonissen in Lindau gewirkt. Diese Einrichtung war der Vorläufer der heutigen Sozialstation.
1902   Die Haushaltungsschule wird von 50 Schülerinnen aus Lindau und 22 Externen besucht. Die sechs vorhandenen Pflegeplätze sind belegt. Die Diakonissen hatten ambulant 64 Kranke zu pflegen. 1504 Kranken- und 95 andere Besuche wurden von ihnen gemacht.
1909   Die Platznot in der Salzgasse ist so groß, dass erste Neubaupläne entstehen.
1911   Mai Stadtpfarrer Fronmüller erwirbt von der Stadt Lindau einen Bauplatz an der Seeauffüllung. Kaufpreis: 40620 Mark.
1911   15. Mai Grundsteinlegung. Das Haus steht auf etwa 300 Eichenpfählen, die 11 Meter tief in der Erde stecken und einen Durchmesser von ca. 45 Zentimeter haben.
1912   5. Mai nach nur einjähriger Bauzeit wird das Maria-Martha-Stift durch den damaligen Kirchenpräsidenten Hermann von Bezzel eingeweiht.
1924   Das 30-Jährige Jubiläum wird groß gefeiert
1927   kauft der Johannisverein das Lehrgut Priel. Das Maria-Martha-Stift wird haus- und landwirtschaftliche Lehranstalt.
1930   Das Maria-Martha-Stift kommt durch die allgemein schwierige wirtschaftliche Lage in Nöten. Viele Eltern können das Schulgeld nicht mehr bezahlen. Ludwig Kick und andere Gönner helfen aus.
1933   Die Nationalsozialisten streichen alle Zuschüsse für private kirchliche Schulen. Der Lehrplan der Schule musste sich der Ideologie der Nazis unterordnen. Der Bestand der Schule wird schwieriger.
1939   Die Schule hat 136 Schülerinen und 45 Externe.
1940/41   Beschlagnahme des Gebäudes durch die Nationalsozialisten. Schließung der Schule und Räumung des Altenheims
1941   Die Kriegsmarine der Deutschen Wehrmacht richtet eine Marine-Unteroffiziers-Schule im Maria-Martha-Stift ein.
1943   Das Gebäude wird bis 1945 als Lazarett und Flüchtlingsheim genutzt.
1945   30. April: Der zweite Weltkrieg endet für Lindau mit dem Einrücken französischer Truppen. Neben anderer Gebäuden wird auch das Maria-Martha-Stift beschlagnahmt. Als einzige Lindauer Schule war das Hausbis 1953 in den Händen der Franzosen. 1
1952   Im Juli stirbt Pfarrer Schneidt, im Dezember wird Pfarrer Wilhelm Horkel installiert. Mit ihm und Bankdirektor Hans Schabert an der Spitze wird das Maria-Martha-Stift saniert und umgebaut, um eine Frauen-Fachschule zu errichten
1952   Die Neuendettelsauer Diakonisse Oberin Melanie Specht übernimmt die Leitung, die sie bis 1968 inne hat.
1954   Am 11. September wird das Maria-Martha-Stift wieder eingegeweiht, 2nachdem der Schulbetrieb schon am 2. September wieder aufgenommen worden war. Oberkirchenrat Schabert hält die Festpredigt, Oberin Specht wird offiziell eingesegnet. Bereits im Juni waren die ersten Bewohner des Altenheims wieder eingezogen, nachdem Ausbau und Neueinrichtung beendet sind. 3
1962   Das 50-Jährige Bestehen des Hauses wird mit einem Festgottesdienst in St. Stephan gefeiert. Landesbischof Hermann Dietzfelbinger predigt zum Jubiläum.
1973   schließt die Frauenfachschule ihre Tore.
1977   Am 1. Juni schließen sich unter Pfarrer Wolfgang Töllner verschiedene diakonische Vereine zur „Evangelischen Diakonie Lindau e.V.“ zusammen: Der Kinderversorgungsverein mit dem damaligen Kindergarten St. Stephan, der Herbergsverein, der viele Jahrzehnte das Hospiz am Paradiesplatz betrieben hatte und der Sankt-Johannis-Verein, der das Maria-Martha-Stift und die Bahnhofsmission betreute.
1978   Das Maria-Martha-Stift wird zum Altenpflegeheim
1982   Renovierung und Umbau des sog. Kleinen Hospizes
1991   Pfarrer Erich Puchta übernimmt von Pfarrer i.R. Georg Kugler die Leitung der Evangelischen Diakonie Lindau. Stefanie Schobloch wird neue Heimleiterin.
1996   Neuer Brückenbau mit weiteren Pflegeplätzen wird eingeweiht
1998   bis 2002 Sanierung des Maria-Martha-Stiftes bei laufendem Pflegebetrieb
2001   Pfarrer Eberhard Heuß übernimmt als Nachfolger von Pfr. Puchta die Leitung des Vereins
2002   25-Jähriges Jubiläum der EDL. Festprediger Oberkirchenrat Wolfgang Töllner.
2005   Stefanie Schobloch geht in Ruhestand. Anke Franke übernimmt die Geschäftsführung
2012   100-jähriges Jubiläum des Maria-Martha-Stifts
     
1   Vgl. Lindau 1954-63, S.11 und 44
2   Stadtchronik, S. 392
3   Stadtchronik, S. 398

Lebenslauf der Schwester Oberin Melanie Specht

 

„Wenn man auf sein Leben in diesem Alter zurückblickt,verschwinden alle kleinen Dinge. In der Kirche zur Konfirmation versprach ich mir ein guter Mensch zu werden. ---War ich das immer? Kann man es sein?“

Zitat aus ihren Notizen einige Tage nach ihrem 80.Geburtstag.

Am 02.11.1896 wurde sie in Berlin geboren, als älteste Tochter eines Droschken-Fuhrunternehmers und seiner Ehe-Frau.

In ihrer Jugend lernte sie alles, was eine Frau im Leben damals brauchte: Schneidern, Hauswirtschaft auf einem Gut (Küche, Gärtnerei, Milch- und Käsewirtschaft).

1914 kam der  1.Welt-Krieg, so wählte sie mit 18 im selben Jahr eine Ausbildung zur Krankenschwester in Berlin. Für sie war dies „das Nächstliegende“.

Durch eine Predigt über die Soldatenarbeit in der Türkei angeregt, entschloss sie sich gemeinsam mit einer Freundin dort zu helfen. Im November 1917, gerade nach ihrem 21.Geburtstag, erfolgte die Ausreise in die Türkei zum Dienst als Krankenschwester in verschiedenen deutschen Lazaretten, in Konstantinopel, Mamure und Aleppo. Sie half auch verletzten Türken und Arabern, nicht nur verwundeten deutschen Soldaten. Sie kam bis nach Damaskus, Jerusalem erreichte sie nicht mehr, denn die Engländer waren Ende 1918 in Palästina im Vormarsch.

November 1918 Rückkehr, mit einem Verwundetentransport auf der Eisenbahn über Odessa, 4 Wochen durch Russland, durch das brennende Warschau, Ankunft in Berlin im Dezember 1918. Es folgten 6 Monate im Tropengenesungsheim Tübingen wegen einer schweren Malaria.

Sie blieb 2 weitere Jahre in Tübingen, um einer Familie mit 9 Kindern zu helfen, mit der sie dann ein weiteres Jahr nach Wilhelmsdorf zog. Es folgten 2 Jahre in Berlin mit der Betreuung eines kranken Kindes, und damit auch die Rückkehr zu ihrer eigenen Familie dort.

Die nächste Station, anlässlich der Krankheit einer Tante, war 1925 Buer in Westfalen, wo sie auch mit der Gemeindearbeit vertraut wurde. Nach sechs Monaten wurde sie in Buer als evangelische Gemeinde-Schwester angestellt.

1929 - 1945 verbrachte sie als Erzieherin und Mutterersatz von 4 Kindern in einer Züricher Industriellenfamilie, in der die Mutter durch langjähriges Siechtum behindert war. In den 70 ziger Jahren durfte sie dort bei vielen Besuchen sich auch als „Grossmutter“ erfahren.

Gleichzeitig wollte sie in Zürich auch in der Kirche mitarbeiten, wurde jedoch als Deutsche vom Züricher Pfarrer nicht akzeptiert. So wurde sie in der deutschen Gemeinschaft in Zürich selbst aktiv und baute eine Mütterschule auf, die Frauen auf den notwendigen Gebieten eine Ausbildung gab.1939 wurde sie deshalb von der deutschen Auslandsorganisation in Berlin beauftragt, in der Schweiz Mütterschulkurse aufzubauen. Bei Kriegsende waren daraus 3 Schulen mit 13 Lehrkräften geworden, die sich aus den Kurseinnahmen selbst trugen. Damit war keine politische Taetigkeit verbunden, trotzdem bekam sie als erste Frau im Ausland das deutsche Verdienstkreuz 2.Klasse verliehen.

Nach Kriegsende (07.05.1945) kümmerte sie sich sofort um die noch internierten deutschen Familien mit kleinen Kindern. In der Schweiz waren darüberhinaus auch etwa 3000 deutsche Soldaten interniert, und in etwa 5 Lagern viele deutsche Familien. In einem Jahr gab Frau Specht ihre gesamten Ersparnisse dafür aus, diesen Familien zu helfen.

Nachdem Ende 1946 der letzte internierte Deutsche die Schweiz verlassen hatte, war es auch für sie Zeit für die Rückkehr nach Deutschland, um ihrem eigenen Lande zu helfen.

Sie wohnte in Lindau, wird im Flüchtlingslager Zech und in der evangelischen Gemeinde für mehrere Jahre helfen, bis sie 1955 aus der evangelischen Gemeinde der Ruf durch Pfarrer Horkel erreichte, als Schwester Oberin das Maria-Martha-Stift zu leiten, eine Hauswirtschaftsschule für junge Frauen mit langer Tradition (1912 gegründet), die nun nach dem Krieg endlich wieder eingerichtet werden sollte.

Sie baute diese Schule wieder auf, ein Internat wurde angeschlossen, auch das im selben Haus liegende Altersheim wurde von ihr geleitet und vergrössert. Ihre umfassende Lebenserfahrung, ihre Energie und innere Ruhe im Glauben an Gottes Unterstützung, ihre tatkräftige Nächstenliebe ohne grosse Worte, ihre Herzensbildung und ihre durch eigene Kraft erworbene umfassende Bildung liessen die „Obi“, wie sie bald liebevoll genannt wurde, zum guten Geist des Maria-Martha-Stiftes werden, der für alle jederzeit da war, auch noch viele jahre im Ruhestand.

Nachdem lange Jahre keine Nachfolgerin für sie gefunden wurde, ist es 1968 endlich soweit, dass sie sich "zur Ruhe" setzen konnte. Diese Zeit wird voll ausgefüllt, den mehr als 1000 Ehemaligen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Darunter waren auch Schülerinnen des Jahrgangs 1925, mit denen sie über viele Jahre einige Reisen machen konnte. Jährliche Treffen der ehemaligen Schülerinnen des Maria-Martha-Stiftes wurden zu einem festen Bestandteil des Lindauer Kalenders.

Die Nachfolgerin bewährte sich nicht, die Schule wurde 1977 geschlossen und das ganze Stift in ein Altersheim umgewandelt, das im August 1978 neu eröffnet wurde. Dabei entstehen wiederum genug Probleme, sodass Frau Specht ab 1979 ganztägig ins Stift zurückkehrte, um die Verwaltung mit ihrer umfassenden Erfahrung und genauen Kennntnis des Hauses zu unterstützen.

Ihre Kraft während eines langen Lebens immer wieder Neues, oft auch Schwieriges, immer zum Wohle ihrer Nächsten anzupacken, war bewunderungswürdig. Dafür erhielt sie 1981 das Bundesverdienstkreuz. Das Altersheim ist nun bestens organisiert und sie kann sich wieder zurückziehen und sich etwas der Ruhe und dem Reisen (meist mit „Ehemaligen“) widmen.

Ein unerkanntes Krebsleiden wurde Mitte 1984 bei einer Operation entdeckt, doch es ist zu spät. Nach monatelangem Leiden, das sie bei guter Pflege im Stift als Insassin des einst von ihr aufgebauten Hauses still erträgt, starb sie im Alter von 88 Jahren am 23. Januar 1985.