„Wenn man auf sein Leben in diesem Alter zurückblickt,verschwinden alle kleinen Dinge. In der Kirche zur Konfirmation versprach ich mir ein guter Mensch zu werden. ---War ich das immer? Kann man es sein?“
Zitat aus ihren Notizen einige Tage nach ihrem 80.Geburtstag.
Am 02.11.1896 wurde sie in Berlin geboren, als älteste Tochter eines Droschken-Fuhrunternehmers und seiner Ehe-Frau.
In ihrer Jugend lernte sie alles, was eine Frau im Leben damals brauchte: Schneidern, Hauswirtschaft auf einem Gut (Küche, Gärtnerei, Milch- und Käsewirtschaft).
1914 kam der 1.Welt-Krieg, so wählte sie mit 18 im selben Jahr eine Ausbildung zur Krankenschwester in Berlin. Für sie war dies „das Nächstliegende“.
Durch eine Predigt über die Soldatenarbeit in der Türkei angeregt, entschloss sie sich gemeinsam mit einer Freundin dort zu helfen. Im November 1917, gerade nach ihrem 21.Geburtstag, erfolgte die Ausreise in die Türkei zum Dienst als Krankenschwester in verschiedenen deutschen Lazaretten, in Konstantinopel, Mamure und Aleppo. Sie half auch verletzten Türken und Arabern, nicht nur verwundeten deutschen Soldaten. Sie kam bis nach Damaskus, Jerusalem erreichte sie nicht mehr, denn die Engländer waren Ende 1918 in Palästina im Vormarsch.
November 1918 Rückkehr, mit einem Verwundetentransport auf der Eisenbahn über Odessa, 4 Wochen durch Russland, durch das brennende Warschau, Ankunft in Berlin im Dezember 1918. Es folgten 6 Monate im Tropengenesungsheim Tübingen wegen einer schweren Malaria.
Sie blieb 2 weitere Jahre in Tübingen, um einer Familie mit 9 Kindern zu helfen, mit der sie dann ein weiteres Jahr nach Wilhelmsdorf zog. Es folgten 2 Jahre in Berlin mit der Betreuung eines kranken Kindes, und damit auch die Rückkehr zu ihrer eigenen Familie dort.
Die nächste Station, anlässlich der Krankheit einer Tante, war 1925 Buer in Westfalen, wo sie auch mit der Gemeindearbeit vertraut wurde. Nach sechs Monaten wurde sie in Buer als evangelische Gemeinde-Schwester angestellt.
1929 - 1945 verbrachte sie als Erzieherin und Mutterersatz von 4 Kindern in einer Züricher Industriellenfamilie, in der die Mutter durch langjähriges Siechtum behindert war. In den 70 ziger Jahren durfte sie dort bei vielen Besuchen sich auch als „Grossmutter“ erfahren.
Gleichzeitig wollte sie in Zürich auch in der Kirche mitarbeiten, wurde jedoch als Deutsche vom Züricher Pfarrer nicht akzeptiert. So wurde sie in der deutschen Gemeinschaft in Zürich selbst aktiv und baute eine Mütterschule auf, die Frauen auf den notwendigen Gebieten eine Ausbildung gab.1939 wurde sie deshalb von der deutschen Auslandsorganisation in Berlin beauftragt, in der Schweiz Mütterschulkurse aufzubauen. Bei Kriegsende waren daraus 3 Schulen mit 13 Lehrkräften geworden, die sich aus den Kurseinnahmen selbst trugen. Damit war keine politische Taetigkeit verbunden, trotzdem bekam sie als erste Frau im Ausland das deutsche Verdienstkreuz 2.Klasse verliehen.
Nach Kriegsende (07.05.1945) kümmerte sie sich sofort um die noch internierten deutschen Familien mit kleinen Kindern. In der Schweiz waren darüberhinaus auch etwa 3000 deutsche Soldaten interniert, und in etwa 5 Lagern viele deutsche Familien. In einem Jahr gab Frau Specht ihre gesamten Ersparnisse dafür aus, diesen Familien zu helfen.
Nachdem Ende 1946 der letzte internierte Deutsche die Schweiz verlassen hatte, war es auch für sie Zeit für die Rückkehr nach Deutschland, um ihrem eigenen Lande zu helfen.
Sie wohnte in Lindau, wird im Flüchtlingslager Zech und in der evangelischen Gemeinde für mehrere Jahre helfen, bis sie 1955 aus der evangelischen Gemeinde der Ruf durch Pfarrer Horkel erreichte, als Schwester Oberin das Maria-Martha-Stift zu leiten, eine Hauswirtschaftsschule für junge Frauen mit langer Tradition (1912 gegründet), die nun nach dem Krieg endlich wieder eingerichtet werden sollte.
Sie baute diese Schule wieder auf, ein Internat wurde angeschlossen, auch das im selben Haus liegende Altersheim wurde von ihr geleitet und vergrössert. Ihre umfassende Lebenserfahrung, ihre Energie und innere Ruhe im Glauben an Gottes Unterstützung, ihre tatkräftige Nächstenliebe ohne grosse Worte, ihre Herzensbildung und ihre durch eigene Kraft erworbene umfassende Bildung liessen die „Obi“, wie sie bald liebevoll genannt wurde, zum guten Geist des Maria-Martha-Stiftes werden, der für alle jederzeit da war, auch noch viele jahre im Ruhestand.
Nachdem lange Jahre keine Nachfolgerin für sie gefunden wurde, ist es 1968 endlich soweit, dass sie sich "zur Ruhe" setzen konnte. Diese Zeit wird voll ausgefüllt, den mehr als 1000 Ehemaligen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Darunter waren auch Schülerinnen des Jahrgangs 1925, mit denen sie über viele Jahre einige Reisen machen konnte. Jährliche Treffen der ehemaligen Schülerinnen des Maria-Martha-Stiftes wurden zu einem festen Bestandteil des Lindauer Kalenders.
Die Nachfolgerin bewährte sich nicht, die Schule wurde 1977 geschlossen und das ganze Stift in ein Altersheim umgewandelt, das im August 1978 neu eröffnet wurde. Dabei entstehen wiederum genug Probleme, sodass Frau Specht ab 1979 ganztägig ins Stift zurückkehrte, um die Verwaltung mit ihrer umfassenden Erfahrung und genauen Kennntnis des Hauses zu unterstützen.
Ihre Kraft während eines langen Lebens immer wieder Neues, oft auch Schwieriges, immer zum Wohle ihrer Nächsten anzupacken, war bewunderungswürdig. Dafür erhielt sie 1981 das Bundesverdienstkreuz. Das Altersheim ist nun bestens organisiert und sie kann sich wieder zurückziehen und sich etwas der Ruhe und dem Reisen (meist mit „Ehemaligen“) widmen.
Ein unerkanntes Krebsleiden wurde Mitte 1984 bei einer Operation entdeckt, doch es ist zu spät. Nach monatelangem Leiden, das sie bei guter Pflege im Stift als Insassin des einst von ihr aufgebauten Hauses still erträgt, starb sie im Alter von 88 Jahren am 23. Januar 1985.